Nachbericht Henry Arnhold Dresden Summer School 2019

Wie gehen Museen und Kulturinstitutionen mit Wahrheit in Zeiten von gesellschaftlichen Polarisierungen um? Dieser Frage gingen 17 junge Museums- und Kulturfachleute aus Deutschland, der Schweiz, Georgien, Togo, dem Libanon und Italien bei der zum 7. Mal stattfindenden Henry Arnhold Dresden Summer School nach. Vom 23. September bis 2. Oktober 2019 tauschten sie sich mit Expertinnen und Experten an der TU Dresden, der Sächsischen Staats- und Universitätsbibliothek, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Militärhistorischen Museum und dem Deutschen Hygiene-Museum aus.

Am Eröffnungsabend in der Fürstengalerie diskutierte der Direktor der Summer School Prof. Dr. Hans Vorländer mit dem Philosophen Prof. Dr. Philipp Hübl, der Direktorin der Klassik Stiftung Weimar Dr. Ulrike Lorenz sowie der Leiterin des Dresdner Kunsthauses Christiane Mennicke-Schwarz über Wahrheitsansprüche und die Rolle von Museen im polarisierten Diskurs. Frau Lorenz thematisierte ihr in der Kunsthalle Mannheim realisiertes Konzept von einem Museum als Freiraum und öffentlicher Ort, welcher aktiv in die Gesellschaft eingreife – was die Frage nach der Legitimation aufwarf und diskutiert wurde. Umgesetzte Beispiele von einer gezielten Intervention im Stadtbild Dresdens brachte Christiane Mennicke-Schwarz an. Was zeichnet eigentlich ein Museum aus? Unter verschiedenen Blickwinkeln beleuchtete Ausstellungsexperte Dr. Joachim Baur mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am ersten Workshoptag Museumsdefinitionen aus aller Welt sowie die offiziellen Definitionen von ICOM (Internationaler Museumsrat) verschiedener Jahre.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, ging auf die Herausforderungen und Verantwortung von ethnologischen Museen im Umgang mit der Herkunft der Sammlungsobjekte ein. Anschaulich stellte sie dies anhand der Ausstellung von Kraft- und Kultobjekten sowie der Rückgabe von human remains, die aus dem kolonialen Kontext stammen, vor. Auch der gut besuchte öffentliche Abendvortrag von Prof. Dr. Benédicté Savoy im Albertinum hatte den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit der Museen zum Thema. Unter „Zurück in die Zukunft. Zur Restitution afrikanischer Kulturgüter“ stellte die französische Restitutionsexpertin Fakten zum kolonialen Sammlungsgut deutscher Museen sowie Gründe für das Vergessen und Verdrängen der vor 40 Jahren schon einmal stattgefundenen Restitutionsdebatte vor: So seien die meisten Sammlungen aus Afrika und Ozeanien innerhalb der 34 Jahre deutscher Kolonialzeit in die Museen gelangt – entwendet unter fragwürdigen Bedingungen wie beispielsweise durch Raub von Schmuck an Getöteten. Die Herkunft der Objekte hatten die Museen bis in die 70er Jahre in den Objektverzeichnissen öffentlich gemacht. Später, als die Restitutionsdebatte international in aller Munde war, führten sie in Deutschland aus Angst, bei den entsprechenden Ländern Begehrlichkeiten zu wecken, keine Objektverzeichnisse mehr. Auch sollte der Begriff Restitution/Rückgabe durch den weicheren Begriff Transfer ersetzt werden, um Emotionalität zu vermeiden und juristisch abzublocken, wie eine interne Handreichung, die Savoy bei ihren Archivarbeiten gefunden hatte, zeigte. „Auch Museen sagen nicht immer die Wahrheit“, stellte die Forscherin fest – so hätten die Museen auch auf Nachfragen der Politik zum legalen Erwerb der Kulturgüter nicht die volle Wahrheit über den kolonialen Erwerb offengelegt.

Wie Kunst in der polarisierten Stadtgesellschaft zur Plattform beim sogenannten Dresdner Bilderstreit 2017 wurde, stellten im Albertinum die Direktorin Hilke Wagner und Konservatorin Astrid Nielsen vor: Wie kam dieser Streit zustande, was unternahm das Museum? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten nicht nur Kenntnisse über die Kunst aus der DDR, sondern auch Einblick in das Depot sowie einen ehrlichen Austausch mit der Direktorin über die Herausforderungen ihrer Arbeit in der polarisierten Gesellschaft.

Im Deutschen Hygiene-Museum erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Einblick in die Dauerausstellung, bevor sie anschließend an ausgewählten Objekten zur neu zu konzipierenden Sexualitätsausstellung ihre Ideen aktiv einbrachten und mit den Ausstellungsverantwortlichen über die vielen möglichen Wahrheiten diskutierten. In der Dresden concept-Tram tauschten sie sich mit den Teilnehmenden der Summer School Voice Interaction and Voice Assistants über digitale Wahrheiten aus.

In Chemnitz lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Konzepte von engagierten Kulturvereinen in der stark polarisierten Stadt kennen: von soziokultureller Arbeit im Spinnerei e.V. über das Experiment eines Dialogtreffpunkts vom Chemnitz Open Space – initiiert von den Kunstsammlungen Chemnitz als Antwort auf die Ausschreitungen 2018 – bis hin zum Klub Lokomov und Ausstellungsräumen vom Verein Solitaer im Brennpunktviertel Sonnenberg.

Um das Spiel mit der Wahrheit und der Fiktion geht es bei der Bürgerbühne, die Christiane Lehmann im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden vorstellte. Mit den Aufführungen, die kein rein biographisches Theater darstellen, arbeitet die Bürgerbühne subtil am Dialog zu Themen, die die Stadt und die Menschen bewegen. Nach dem Besuch des Stücks „Früher war alles...“, in welchem Bürgerinnen und Bürger aus Freital mitspielen, standen einige Darstellende den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Rede und Antwort über die Entstehung, die Proben und die Wirkung im persönlichen Umfeld.

Um Deutungsmacht ging es am Projekttag im Militärhistorischen Museum: Kurator Dr. Magnus Pahl führte durch seine konzipierte Sonderausstellung „Der Führer Adolf Hitler ist tot“ über das Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944. Die Plakate und eine Originalfilmkulisse aus dem US-Film „Operation Walküre“ regten zur Diskussion über den kuratorischen Anspruch und die Deutung von historischen Ereignissen an – was nach dem Vortrag von Prof. Dr. Winfried Heinemann über die kontroverse Wandlung und Vereinnahmung dieses Datums durch Zeitgeist und Politik rege fortgesetzt wurde.

Der NDR-Journalist Peter Hornung analysierte bei seinem Workshop „Fakten und Fake Science“ mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der SLUB Konferenzeinladungen von Raubverlagen sowie mögliche Merkmale und Suchmaschinentipps, diese Verlage als solche zu entlarven. Hornung hatte eine Reportage zu dem Thema erstellt und konnte so über seine Recherchen berichten.

Zum Abschluss der Summer School stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim traditionellen Direktorencafé den Leiterinnen und Leitern der bei der Summer School beteiligten Institutionen letzte Fragen zum Umgang mit der Wahrheit und Wahrheitsansprüchen.